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Delegation aus dem Rheinischen Revier reiste in die Braunkohleregion Lausitz:In der Lausitz lässt sich studieren, was möglich ist, wenn Gemeinsinn die Oberhand behält gegenüber partikularen Perspektiven und Interessen

Gruppenbild im Naturparadies Grünhaus.
Wie soll sich eine Region entwickeln, wenn dort auch morgen Menschen gut und gerne leben sollen? Das ist keine banale Frage. Ein Blick in ganz andere Realitäten kann helfen, Einseitigkeiten und blinde Stellen zu überwinden. Die Diskussion im Rheinischen Revier benötigt einen solchen frischen Wind, um festgefahrene Positionen zu verlassen.
Datum:
22. Juni 2026
Von:
Thomas Hohenschue

Eine solche Quelle der Inspiration kann die Lausitzer Braunkohleregion sein. Diese sieht dem Ende der Kohleförderung im Jahr 2038 entgegen. Schon heute engagieren sich viele zivilgesellschaftliche Initiativen für lebenswerte Perspektiven nach der Kohlezeit. Sie können auf finanzielle, logistische und methodische Unterstützung zurückgreifen.

Gründe genug für zivilgesellschaftlich engagierte Menschen aus dem Rheinischen Revier, im Juni 2026 in die Lausitz zu reisen. Gastlich empfangen, ging es bei dieser Fahrt ans Eingemachte. Die Blickwinkel wechselten häufig. Dies verringerte die Chance, in den Selbstgewissheiten der eigenen Komfortzone und Bubble verbleiben zu können.

 

Strukturwandel vielfältig denken

Die Vielfalt von Orten, an denen in der Lausitz Strukturwandel gestaltet wird, inspiriert. Sicherlich gibt es dort auch touristische Konzepte und Projekte, wie Badeseen mit Freizeitinfrastruktur oder Eventlocations wie an der gigantischen Abraumförderbrücke F 60. Das fördert Wertschöpfung und steigert die Lebensqualität in der Region.

Zugleich gibt es aber auch viele bürgerschaftlich getragene Initiativen, die sich um den sozialen Zusammenhalt, um Begegnungsorte, um kulturelle Angebote kümmern. Dafür braucht es Motoren und Kümmerer, begleitet und gestärkt durch regionale Netzwerke oder lokales Quartiersmanagement. Auch Kommunen sind in der Lausitz an Bord.

 

Mit allen reden und Lösungen suchen

Dass möglichst alle miteinander reden, eher auf das Verbindende schauen als auf das Trennende, ist Voraussetzung dafür, dass Neues und Besonderes gelingt. Das machten verschiedene Personen deutlich, mit denen die Delegation sprechen durfte. Diese Botschaft gehört zu den zentralen Impulsen, die der Revieraustausch erbrachte.

Nur so lässt sich Strukturwandel ganzheitlich gestalten. Inspirierend an dieser Stelle der Perspektivwechsel, den Gesprächspartner Stefan Röhrscheid von der NABU-Stiftung Nationales Kulturerbe ermöglichte. Die Stiftung hat ehemalige Bergbauflächen gekauft. Diese werden nun von der Natur zurückerobert, der Mensch hat hier Nachrang.

Das mag befremdlich wirken aus der Perspektive von Institutionen und Menschen, die auf Wertschöpfung oder Erschließung für Freizeitzwecke setzen. Und doch registriert Stefan Röhrscheid Akzeptanz von allen Seiten. Das mag daran liegen, was er als Haltung formuliert: Als Besitzer muss man mit allen Gruppen reden und Lösungen suchen.

 

Die Bevölkerung beharrlich beteiligen

Die Bevölkerung der Lausitz einzubeziehen, ist eine große Herausforderung, der sich Akteure wie Wertewandel e.V. stellen. Die Menschen sind nach der Wende vielfach enttäuscht worden und haben daher eine eher skeptische Haltung entwickelt. Eine Gesprächspartnerin sagte, es liege eine Depression über der Region.

Ein Besuch einer ehemaligen Brikettfabrik in Hoyerswerda verdeutlichte, wie stark das Trauma der Strukturbrüche in der Lausitz nachwirkt. Innerhalb weniger Nachwendejahre gingen unvermittelt drei Viertel der Industriearbeitsplätze verloren. Viele Städte und Orte haben seitdem mehr als die Hälfte an Einwohnern verloren, bauen Wohnraum zurück.

 

Industriearbeit würdigen und erinnern

Worunter Menschen auch leiden, ist die Entwertung ihrer ehemaligen Arbeit, und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen sind ihre Branchen aus der Region verschwunden, zum anderen aber auch vielfach die Gebäude und mit ihnen die Erinnerung an das, was Generationen von Familien mit Kenntnis und Körperkraft leisteten und schufen.

Mit Weitblick wurde aus der Brikettfabrik die Energiefabrik Knappenrode. Viele Menschen packten mit an, um einen besonderen Erinnerungsort zu gestalten. Das Gebäude wurde erhalten, mit seinen alten Maschinen. Von Etage zu Etage lässt sich der ganze Prozess der Brikettherstellung nachvollziehen und anschaulich erklären.

 

Orte für die Zivilgesellschaft schaffen

Wie in der Energiefabrik engagieren sich auch in Lauchhammer Menschen für die Erinnerung und damit Würdigung untergegangener oder untergehender Industriearbeit. Der Heimat- und Kulturverein gehört zu der vielfältigen Landschaft an Initiativen und Angeboten, die das Vereinsheim DomiZiel bevölkern – ein wichtiger neuer Ort.

Bei einigen Gelegenheiten wie zum Beispiel bei einem Stadtspaziergang durch Weißwasser kam ein eigentümliches Befinden der Menschen in der Region zur Sprache. Das Gefühl ist, in einer Zwischenwelt zu leben. Es ist etwas nicht mehr, aber das Neue ist noch nicht. Das verunsichert mehr, als dass es als Chance gesehen wird.

Mit diesen Eindrücken im Gepäck, reisten die Delegierten zurück ins Rheinische Revier. Sicherlich lässt sich nicht alles eins zu eins übertragen, sind die Verhältnisse verschieden. Und doch lässt sich gut in der Lausitz studieren, was möglich ist, wenn Gemeinsinn die Oberhand behält gegenüber partikularen Perspektiven und Interessen.

 

Abschließende Info

Gestaltet wurde der Austausch zwischen zivilgesellschaftlich Engagierten im Rheinischen Revier und in der Lausitz von Wertewandel e.V., Nell-Breuning-Haus, Demokratiewerkstatt Rheinisches Revier und NABU NRW.

Die Impulse der Reise werden in das Projekt „Mind the Gap“ eingespeist, das Beteiligungslücken im Strukturwandel ausleuchtet. Eines ist schon heute klar: Der Austausch zwischen den beiden Regionen wird weitergehen.

Bilder einer Reise: RevierDialog - Rheinisches Revier meets Lausitz

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